Wie digitale Schule gelingen kann

Wir brauchen dringend einen Neustart, um endlich beste Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. Denn Fakt ist: Österreichs Bildungspolitik schiebt eine echte Erneuerung seit Jahrzehnten auf die lange Bank. Sie versucht, durch Drehen an kleinen Schräubchen darüber hinwegzutäuschen, wo die großen Probleme und Herausforderungen liegen: Fehlende Chancengerechtigkeit, starre, föderale Strukturen und wenig Autonomie. Auch mit der Digitalisierung an Österreichs Schulen schaut es nicht rosig aus. Wenn wir im internationalen Wettlauf um digitale Kompetenzen in der Bildung reüssieren wollen, müssen wir jetzt Lehrpläne ändern, digitale Infrastruktur massiv ausbauen und die Aus- und Weiterbildung von Lehrer_innen forcieren.

Die Pandemie hat schonungslos aufgezeigt, wie viele Baustellen und Mängel es im heimischen Schulsystem gibt. Sie hat unter anderem verdeutlicht, dass Österreich noch einen weiten Weg vom analogen zum digitalen Zeitalter vor sich hat. Unser Ziel muss es sein, die digitale Kompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen tatsächlich als vierte Grundkompetenz zu etablieren. Dafür brauchen wir keine Lippenbekenntnisse, sondern endlich konkrete Maßnahmen im Bereich Digitalisierung.

Jetzt Voraussetzungen schaffen

Seit über 20 Jahren haben Österreichs Schulen langsame bis keine Internetverbindungen und mit einer Infrastruktur zu kämpfen, die nicht den Bedürfnissen einer modernen und digitalen Gesellschaft entspricht. Über 40 Prozent der Volksschulen berichten über eine schlechte Internetverbindung. Auch an Mittelschulen, AHS und BHS haben nur 45 und 60 Prozent der Schulen Internet in allen Schulklassen. Österreich muss Kindern ein zeitgemäßes Lernen ermöglichen. Dafür ist es notwendig, die Voraussetzungen zu schaffen wie beispielsweise durch den Ausbau des Glasfasernetzes an allen Schulen und in allen Klassen.

Digitale Kluft wird größer

Österreich hat in der Pandemie den Lernerfolg privatisiert. Schüler_innen und Lehrer_innen mussten auf private Endgeräte zurückgreifen. Erst ab Herbst 2021 sollen Schüler_innen der 5. und 6. Schulstufe Endgeräte bekommen. Um den „digital gap“, den die Coronakrise noch deutlicher gemacht hat, zu verringern, bräuchte es aber Endgeräte für ALLE Schüler_innen und Lehrer_innen.

Schon vor Corona hatten Kinder aus einkommensschwachen Familien einen strukturellen Nachteil, weil ihnen oft der Zugang zu technischer Infrastruktur fehlt. Corona hat das Problem weiter verschärft: 36 Prozent der Schüler_innen, die im 1. Lockdown nicht erreichbar waren, kommen aus einkommensschwachen Familien. Ohne entsprechende Endgeräte können sie dem Unterricht im Distance Learning nicht folgen.

Digitale Kompetenzen für Groß und Klein

Aktuelle Daten zur digitalen Kompetenz der österreichischen Schüler_innen sucht man vergebens. Am internationalen und von der EU empfohlene Computertest ICILS hat Österreich 2013 und 2018 nicht teilgenommen. Das ist nicht nachvollziehbar, denn aktuelle Daten zur digitalen Kompetenz der Schüler_innen wären enorm wichtig, um überhaupt eine konkrete Strategie formulieren zu können. Wir fordern deshalb die Teilnahme am nächsten ICILS-Computertest im Jahr 2023. Auch im Lehrplan muss die Vermittlung digitaler Kompetenzen ab der 1. Schulstufe altersadäquat Einzug halten.

Gelingen kann das in der Praxis aber nur, wenn die Lehrer_innen selbst ausreichend digitale Kompetenzen haben. 2018 fühlten sich nur 20 Prozent der Lehrer_innen ausreichend vorbereitet, um überhaupt digitale Tools im Unterricht zu nutzen. Im OECD-Ländervergleich bildet Österreich damit das Schlusslicht. Weiterbildungen sind gesetzlich immer noch nicht verpflichtend, ein Ausbau der Angebote ist erst seit Beginn der Pandemie langsam erkennbar. Ein digitaler Fokus in der Grundausbildung fehlt nach wie vor. Hier müssen wir rasch gegensteuern und mit einer Verpflichtung der Lehrer_innen ihre Aus- und Weiterbildung forcieren – und die Lehrkräfte so in ihrer Arbeit unterstützen.

Außerdem brauchen wir Klarheit, wie und wo digitales Lernen sinnvoll und anwendbar ist. Den Frontalunterricht einfach ins Digitale zu verlegen, ist zu wenig. Es braucht neue Lernformen und Platz für Arbeitsräume, in denen kollaboratives Arbeiten und gemeinsames Lernen ermöglicht werden kann.

Von anderen Ländern lernen

Österreichs Unternehmen suchen händeringend nach Spezialist_innen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Trotzdem nennen Schüler_innen bei der Frage nach ihrem Traumberuf immer noch vorwiegend traditionelle Berufe. Auch das ist ein Resultat des fehlenden digitalen Fokus im heimischen Bildungssystem.

Für Positivbeispiele lohnt sich ein Blick über Landesgrenzen hinweg: Länder wie Estland, Finnland oder Uruguay bilden nicht nur weit mehr IKT-Spezialist_innen aus. Sie zeigen auch vor, wie Digitalisierung im Bildungssystem schon heute gelebt werden kann. Uruguay hatte zu Beginn der Pandemie längst alle Schüler_innen und Lehrer_innen mit Endgeräten versorgt. Finnland testet schon lange die digitalen Kompetenzen angehender Lehrer_innen. Und Estland hatte genauso wie Finnland bereits Kommunikation, Lerninhalte, Benotung, etc. in einer App integriert und vereinheitlicht. Was diese Länder eint? Sie alle spüren die Auswirkungen der Pandemie im Bildungsbereich weniger stark als wir in Österreich.

Jede Krise bringt auch Chancen hervor. Wir müssen uns daher rasch mit der Frage beschäftigen, wovon wir uns trennen und was wir mitnehmen. Im Bildungssystem ist es längst an der Zeit, mutig auf die Chancen zuzugehen und sich nicht nur mit kleinen kosmetischen Schritten zufrieden zu geben!

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